Das Wimbledon-Märchen
von Frederik Nielsen
Frederik Nielsen
Tennisprofi

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Ich sah Jonny ins Gesicht und erkannte, wie enttäuscht er war als er den Centre Court verließ. Wir hatten 5-2 im Tiebreak des vierten Satzes geführt und den Vorsprung tatsächlich noch verspielt. Zwei Punkte fehlten uns zum Sieg.

Jetzt saß ich hier und wartete, dass er zurückkam - zusammen mit etwa
15. 000 Zuschauern. Es war die Satzpause vor dem fünften und entscheidenden Satz im Wimbledon-Finale.

Über den Autor
Frederik Løchte Nielsen, Jahrgang 1983, ist ein dänischer Tennisspieler. Nielsen spielt sowohl im Einzel als auch im Doppel. Aktuell steht er im Einzel auf Position 383 und im Doppel auf Position 77 der ATP-Weltrangliste. Seinen größten Triumph feierte Nielsen 2012 als er gemeinsam mit dem Briten Jonathan "Jonny" Marray, nur durch eine Wildcard ins Turnier gekommen, die Doppelkonkurrenz von Wimbledon gewann. Nielsen ist damit der erste und einzige dänische Grand-Slam-Titelträger der Open Era.
Dass wir es überhaupt so weit geschafft hatten, hatte ich nie für möglich gehalten.
Ich bin ein Tennisprofi aus der zweiten Reihe, der meist auf Challenger- und Future-Turnieren unterwegs ist. Der Centre Court von Wimbledon ist weit weg, wenn man sich fragt, wie man seinen Trainer oder die nächste Reise bezahlt. Ich hatte mich längst damit abgefunden, dass ich durch Tennis weder sonderlich reich noch ein Weltstar werden würde.

Aber ich war glücklich mit meinem Leben auf der Tour, genauso wie es war. Ich habe es immer als Privileg empfunden um die Welt reisen zu dürfen, um Tennis zu spielen. Viel mehr brauchte ich nicht.

Und doch gab es etwas, das fehlte. Ich hatte noch nie in Wimbledon gespielt. Seitdem ich Tennis spiele, war das mein größter Traum. Mein Großvater Kurt Nielsen, der in Wimbledon zweimal das Finale erreichte, nahm mich öfters an diesen besonderen Ort mit. Mein Ranking reichte bislang jedoch nie aus, um selbst in Wimbledon an den Start zu gehen.
Frederik Nielsen über Vorbilder, Einflüsse und die große Liebe Wimbledon.
Eine Woche vor dem Meldeschluss für Wimbledon 2012, spielte ich dann zusammen mit Jonny im Doppel ein Challenger-Turnier. Dafür, dass wir vorher erst zweimal zusammen gespielt hatten, lief es richtig gut. Jonny sagte zu mir, dass er vom britischen Verband eine Wildcard für die Doppelkonkurrenz in Wimbledon bekommen hätte, und fragte, ob ich nicht Lust hätte, dort mit ihm an den Start zu gehen. Mein Traum sollte in Erfüllung gehen.
"Ich wollte Jonny beweisen,
dass er die richtige Wahl
getroffen hatte."
Ein paar Wochen später ging es los. Der Start ins Turnier war schwierig. Es war das erste Mal, dass ich auf den berühmten Rasenplätzen spielte und ich wollte Jonny unbedingt beweisen, dass er mit mir die richtige Wahl getroffen hatte.

Ich hatte das Gefühl dadurch nicht richtig frei zu sein. Vor allem bei meinen Returns, die sonst immer meine Stärke waren, war ich verkrampft. Doch mit jeder kritischen Situation, die wir im Turnier überstanden, wurde ich lockerer. Und von diesen gab es einige.

"Wir waren Außenseiter und haben ohne Druck gespielt.
So überstanden wir die kritischen Situationen auf dem Weg ins Finale."

Schon in der dritten Runde war unser Abenteuer fast zu Ende. Gegen die gesetzten Aisam-Ul-Haq Qureshi und Jean-Julien Rojer lagen wir 3-4 im fünften Satz hinten und es stand 15-40 bei meinem Aufschlag. Verlieren wir das Spiel, verlieren wir das Match, das war mir klar. Beim zweiten Breakball spielte ich dann einen meiner besten Volleys des gesamten Turniers. Wir drehten das Match. Von solchen kleinen Momente hängt im Tennis oft sehr viel ab - in diesem Fall sogar ein Titel in Wimbledon.

Im Halbfinale mussten wir dann gegen die topgesetzten Bryan-Brüder aus den USA antreten. Da wir nur mit einer Wildcard ins Turnier gekommen sind, waren wir natürlich, wie in jedem Match zuvor, auch hier die absoluten Außenseiter. Aber genau diese Underdog-Mentalität war unsere Stärke. Von uns wurde nicht viel erwartet und wir erhofften selber nicht viel. Wir hatten einfach großen Spaß, gewannen auch diese Match und standen plötzlich im Finale von Wimbledon.
Weg ins Finale
6-7/6-4 / 7-6/ 2-6/7-5
Granollers & Lopez [9]
.
6-3/ 6-3/6-2
Karlovic & Moser
7-6 /7-6/6-7/5-7 /7-5
Qureshi & Rojer [8]

.
7-6/7-6/6-7/2-6/6-2
Cerretani & Roger-Vasselin
6-4/7-6/6-7/7-6
B. Bryan & M. Bryan [2]

Das Finale
Als wir zwei Tage später den Centre Court zum Endspiel betraten, waren die Zuschauerränge noch nicht voll besetzt. Auch deswegen hielt sich meine Nervosität in Grenzen. Doch die ersten zwei Sätze waren schwierig. Ich habe nicht gut serviert, und Horia Tecau und Robert Lindstedt waren einfach besser. Wir hatten schon drei Fünfsatz-Matches in den Beinen, während unsere Gegner im ganzen Turnier erst einen Satz abgegeben hatten.

Der erste Satz ging glatt verloren und auch im zweiten standen wir ständig unter Druck. Aber irgendwie haben wir unseren Aufschlag halten können, und bei 4-5 haben sie plötzlich Schwäche gezeigt. Die Zuschauer wurden lauter. Wir haben angefangen mit Selbstvertrauen und Inspiration zu spielen und so das Break zum wichtigen Satzausgleich gemacht.
"Das war's. Jetzt ist es vorbei."
Was mir jedoch mehr Sorgen als der Spielstand machte, war mein Handgelenk. Seit dem Ende des zweiten Satzes hatte ich höllische Schmerzen. Sie waren so stark, dass ich meine Rückhand nicht mehr durchziehen konnte.
Bei meinem ersten Aufschlagsspiel im dritten Satz habe ich gedacht: „Das war's. Jetzt ist es vorbei."

Dann kam der vierte Punkt im dritten Satz. Wir lagen 15-30 hinten und ich spielte einen Volley-Winner, der einem wohl nur einmal im Leben gelingt. Plötzlich bekam ich einen heftigen Adrenalinstoß, der mich alle Schmerzen vergessen ließ. Es war, als ob mich fremde Kräften in den Londoner Himmel heben würden. Wir gewannen den dritten Satz knapp im Tiebreak.
Wie so oft in Wimbledon, begann es zu regnen. In der Unterbrechung habe ich zur Sicherheit ein Ultraschall vom Handgelenk machen lassen. Die Bilder zeigten, dass die Verletzung nicht schlimmer werden konnte, wenn ich weiterspiele. Ich musste einfach nur den Schmerz aushalten. Wir verloren den vierten Satz, ebenfalls im Tiebreak.

Der fünfte Satz stand an und Jonny kam zurück auf den Platz. Ich bemerkte, dass seine Enttäuschung einer neuen Lockerheit gewichen war. Das machte mich zuversichtlich, dass wir es immer noch schaffen konnten. Die Unterstützung der Zuschauer war von diesem Punkt an unglaublich. Bei jedem Seitenwechsel kriegte ich durch den einsetzenden Jubel eine Gänsehaut.
"Ich musste einfach nur meinen Schläger in der Hand behalten."
Wir starteten gut in den fünften Satz und hatten Glück in wichtigen Situationen. Den Volley zum 4-1 hatte ich mit den Saiten überhaupt nicht berührt sondern komplett mit dem Rahmen getroffen. „Egal was passiert. Ich muss einfach meinen Schläger in der Hand behalten und irgendwie gewinnen wir den Punkt", redete ich mir zu.

Dieser Gedanke hat mich unglaublich locker gemacht. Bei 4-2 habe ich dann eines meiner besten Aufschlagspiele des Turniers gespielt. Ein Volley war besonders stark und Jonny und ich haben den ganzen Seitenwechsel bei 5-2 nur über diesen Volley gelacht.

Bei 5-3 servierte Jonny dann für die Championships. Wir haben uns angeschaut und beide in diesem Augenblick das Gleiche gedacht: „Es sind diese Momente für die wir Tennis spielen."

Es war ein enges Spiel, weil ich zwei Punkte verkackt habe. Johnny hat wie schon das ganze Turnier über super serviert. Wir holten uns den ersten Matchball.
Ich ging zu Jonny. Wir besprachen wie immer den Punkt. Ich wusste vorher genau, wie der Punkt ablaufen würde und wollte es Jonny erzählen. Aber bevor ich überhaupt etwas sagen konnte, hatte er meine Gedanken schon ausgesprochen. Wir sollten beide Recht behalten. Der Punkt lief genau so, wie wir es vorhergesagt hatten.

Als ich den Volley traf, wusste ich, dass es ein Winner war. Aber für mich lief alles in Zeitlupe ab. Ich wollte nicht zu früh feiern. Als der Ball zwei Mal aufgekommen war, konnten wir endlich loslassen. Wir waren Wimbledon-Champions. Wir hatten Geschichte geschrieben.
Der Matchball
Dieser Sieg hat mir sehr viel ermöglicht. Ich durfte Turniere spielen, die für mich unerreichbar schienen. Plötzlich war ich dabei, in London bei den ATP World Tour Finals, in Indian Wells, Miami, Monte Carlo und Rom. Ich hatte die Möglichkeit, von den besten Spielern der Welt zu lernen.

Vor allem aber habe ich mich darüber gefreut, wie glücklich meine Familie und Freunde waren. Es hat mich tief berührt, wie viel auch ihnen dieser Sieg bedeutet hat. Außerdem habe ich ein bisschen Geld gewonnen, das ich wieder in mein Tennis investieren konnte.
"Alles andere hätte ich als Verrat an mir selbst empfunden."
Als ich nach ein paar Monaten mit weniger Siegen auch wieder kleinere Turniere spielen musste, fiel es mir nicht schwer, dies zu akzeptieren. Ich liebte mein Leben als Tennisprofi, vor und nach Wimbledon. Ich wollte so weiter machen und auch im Einzel ein besserer Spieler werden.

Viele Leute konnten das jedoch nicht verstehen. Immer wieder musste ich mir anhören – von Spielern, Journalisten und Freunden - warum ich denn noch Einzel spiele und mich nicht voll und ganz aufs Doppel konzentrieren würde. So könnte ich doch viel mehr Geld verdienen. Für mich gab es jedoch keinen Grund, daran etwas zu ändern. Alles andere hätte ich als ein Verrat an mir selbst empfunden.

Doch die Fragen hörten nicht auf und sie zeigten Wirkung. Nach einiger Zeit und wenigen Erfolgen im Einzel, hatte ich mich selbst verloren. Ich spielte nur noch, um den Leuten zu beweisen, dass ich es auch im Einzel schaffen konnte. Tennis machte mir keine Freude und gab mir keinen inneren Frieden mehr, sondern sorgte nur noch für Ärger und Enttäuschungen.

Ich habe immer Tennis gespielt, weil ich das Leben auf Tour liebe. Das war mein Antrieb, meine Motivation. Ich habe lange gebraucht, um auf diesen Weg zurückzufinden. Aber ich habe es geschafft. Dieser Prozess hat mich als Mensch unheimlich gestärkt. Es hat mir gezeigt, dass ich Herausforderungen meistern kann, die größer sind als ein Wimbledon-Finale.
“Es gibt Herausforderungen, die größer sind als ein
Wimbledon-Finale." —Frederik Nielsen

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Fotokredits: Cover EO1. Nielsen: Marc. Nielsen: si.robi