Fußballspielen reicht mir nicht
von Neven Subotic (Foto: Patrick Temme)

Neven Subotic

Fußballprofi / Borussia Dortmund

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Ich lernte Tesfay bei meinem letzten Besuch in Äthiopien kennen. Wir kamen ins Gespräch und ich fragte ihn, was er denn später mal werden wolle? „Pilot", antwortete er sehr bestimmt. Für ein Kind aus einem kleinen afrikanischen Dorf natürlich kein einfacher Weg. Doch wie ich später erfuhr, unterstützen seine Eltern seinen Traum. Sie suchten sich zusätzliche Arbeit und kauften Tesfay von dem Ersparten ein Licht, sodass er auch im Dunkeln lesen und lernen kann.
Tesfay (Bildmitte) mit seiner Familie. (Foto: Patrick Temme)
Über den Autor
Neven Subotic, Jahrgang 1988, ist ein bosnisch-serbischer Profifußballer. Er steht bei Borussia Dortmund unter Vertrag und ist Nationalspieler der serbischen Nationalmannschaft. Mit dem BVB gewann Subotic zwei Mal die Deutsche Meisterschaft (2011, 2012) und den DFB-Pokal (2012). Subotic kommt auf der Flucht vor dem Jugoslawien-Krieg 1989 als Einjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Um einer Abschiebung nach Bosnien-Herzegowina zu entgehen, geht die Familie 1999 in die USA, wo Subotic in den US-amerikanischen Jugendnationalmannschaften eingesetzt wird. 2006 wechselte er dann zum FSV Mainz 05 und kehrte so nach Deutschland zurück. 2013 gründete er die „Neven Subotic Stiftung", die sich für Kinder in den ärmsten Regionen der Welt einsetzt.
"Es hat mir nie gefallen, auf die Rolle des Fußballprofis reduziert
zu werden."
Eine Geschichte, die einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen hat. Sie motiviert mich immer wieder, das Beste aus meinem Leben zu machen. Dazu gehört für mich vor allem, dass ich mit meinem Leben mehr anfangen möchte als "nur" auf dem Platz zu stehen, um zu schießen und zu grätschen. Es hat mir nie gefallen, auf die Rolle des Fußballprofis reduziert zu werden. Ich bin vielmehr als das. Vor allem ein Mensch, der viel Glück in seinem Leben gehabt hat, von dem ich auch etwas zurückgeben möchte.
Schon in frühen Jahren habe ich ein Feuer in mir brennen gespürt, das der Fußball alleine nicht löschen konnte. Ich engagierte mich in verschiedenen kleineren, lokalen Projekten. Ein Fehler wie ich heute weiß. Denn wenn man versucht, überall ein bisschen zu geben, gibt man nirgendwo wirklich alles.
Kein Limonadenstand an der Ecke
Ein Freund schlug mir aus diesem Grund vor, das Steuer doch selbst in die Hand zu nehmen und eine eigene Stiftung zu gründen. Stiftung, wirklich? Ich hatte keine Ahnung davon und zunächst auch kein gutes Gefühl. Doch der Gedanke ließ mich nicht los. Ich begann Bücher zu dem Thema zu lesen und je mehr Know-How ich mir aneignete, desto sicherer wurde ich: Das ist mein Weg.
Natürlich hatte ich zu Beginn auch Zweifel und großen Respekt vor dieser Aufgabe. Eine Stiftung zu leiten ist schließlich nicht dasselbe wie einen Limonadenstand an der Ecke aufzubauen. Es ist mit sehr viel Aufwand und Verantwortung verbunden. Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und vor allem gegenüber den Spendern, die ihr hart verdientes Geld deiner Organisation zur Verfügung stellen.
"Von der Arbeit in der Stiftung profitiere ich als Mensch und als Sportler."
Aber ich traute mich, blieb dabei und wurde belohnt. Heute ist die Arbeit in der Stiftung ein fester Bestandteil meines Lebens, der gleichwertig neben dem Fußball steht. Ich nehme mein Laptop mit zum Training, um in den Pausen für die Stiftung zu arbeiten. Ich gehe vor dem Training in unser Büro, bedanke mich bei Spendern, rede mit Dienstleistern und kümmere mich um meine Mitarbeiter.
Gerade die Rolle als Chef hat mir übrigens geholfen, die Rolle des Fußballtrainers besser zu verstehen. Schließlich beschäftigen wir uns im Alltag doch mit der gleichen Fragestellung: Wie gelingt es, ein Klima zu schaffen, in dem jeder Mitarbeiter sich entfalten und besser werden kann?

Natürlich gab es am Anfang auch Kritiker, die nicht verstanden haben, dass Stiftungsarbeit und Profifußball sich gut ergänzen. Doch wenn Leute ernsthaft meinen, als Profi müsse man sich ausschließlich auf den Fußball konzentrieren, kann ich nur lächeln.

"Als Fußballprofi bleibt noch sehr viel vom Tag übrig."
Es gibt keinen Fußballer, der sich 12 Stunden am Tag auf den Fußball konzentriert. Wir trainieren doch nicht acht Stunden am Stück. Gerade als Fußballprofi bleibt sehr viel vom Tag übrig, das man sinnvoll nutzen kann, ohne dass der Sport darunter leidet.

Das Gegenteil ist sogar der Fall: Ich profitiere von meinem "Nebenjob" auch auf dem Platz. Wenn ich nach einem halben Tag im Büro zum Training fahre, freue ich mich total auf die körperliche Arbeit und kann auf dem Platz noch motivierter Vollgas geben.
Verletzungen sind meist keine Katastrophe
Darüber hinaus hilft mir die Arbeit, schwierige Situationen im Sport besser zu überstehen und realistischer zu sehen. Wenn sich ein Fußballprofi schwerer verletzt - und damit kenne ich mich aus - wird sehr schnell von einer "Katastrophe" gesprochen. Doch ich weiß mittlerweile, was eine wirkliche Katastrophe ist, und gehe mit meiner Wortwahl hier viel vorsichtiger um.
Meiner Meinung nach besteht das Leben nicht nur aus Fußballspielen. Nicht falsch verstehen: Es ist meine große Leidenschaft und gleichzeitig mein Traumberuf. Doch viele Fußballprofis sind nach ihrer aktiven Zeit gezwungen Trainer oder Kommentator zu werden und bleiben im Fußballgeschäft stecken.

Ich hoffe, noch fünf bis zehn Jahre erfolgreich spielen zu dürfen. Aber ich weiß dank meiner Stiftung auch jetzt schon, was ich in den folgenden 20 bis 30 Jahren machen werde und freue mich sehr darauf.
"Wir haben die Pflicht, denjenigen eine Stimme zu geben, die nicht über unsere Stellung verfügen."
Fußball ist auf der ganzen Welt sehr groß. Dadurch haben wir Profis einen erheblichen Einfluss. Wir haben die Chance, unsere Meinung zu äußern und tatsächlich gehört zu werden. Wir haben die Pflicht, denjenigen eine Stimme zu geben, die wie Tesfay nicht über unsere Stellung verfügen. Dies ist ein Rucksack, den man sich umschnallen kann oder man stellt ihn in die Ecke und ignoriert ihn. Solange man am Wochenende gewinnt, ist schließlich alles gut.
"Ich würde mir wünschen,
dass sich noch mehr Spieler
sich engagieren."
Ich würde mir wünschen, dass mehr Spieler erkennen, dass abseits des Platzes nicht alles gut ist. Dass sie diesen Rucksack tragen, sich zu politischen Themen äußern und sich engagieren. Je mehr professionelle Sportler wahrhaftig für eine Sache einstehen, umso mehr werden Menschen bestärkt, das Gleiche zu tun.
Ich kann verstehen, warum einige Leute nichts sagen wollen. Sie werden seit früher Jugend nur über ihre Leistungen auf dem Platz definiert. Ein Tor zum Sieg reicht aus und du bist der tollste Mensch auf der Welt. Von jedem kriegst du es zu hören. Warum sollte ich dann etwas riskieren? Weil ich glaube, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Man macht sich etwas vor.
Wir können so viel mehr sein als „nur" Fußballspieler. Natürlich muss jeder seinen eigenen Weg finden. Aber bleibt man dabei, bereichert es auch dein eigenes Leben und du profitierst als Mensch und als Sportler davon. Wir müssen nur anfangen.

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Fotokredits: Cover, Bild 1 (Tesfay und Familie), Bild 3 (Subotic mit Kindern), Bildergalerie: Patrick Temme. Bild 2: Wikimedia Commons